Milchiges Wasser

Der Zug bremst etwas zu abrupt. Kurz verliere ich das Gleichgewicht und stoße mit der linken Schulter an die Waggonwand. Seit Tagen schmerzt sie aus unerfindlichen Gründen. Mal dumpf bohrend, mal pochend heiß. Nur hin und wieder ist Ruhe. Dann schält sich der Schmerz aus der Gelenkkapsel heraus.

Als der Zug zum Stehen kommt, drücke ich den Knopf und die Tür öffnet sich. Es regnet. Wieder einmal. Wann immer ich an diesem Ort ankomme, regnet es. Die Tropfen fein und schwebend diesmal. Ich mache einen großen Schritt und betrete den Bahnsteig. In kleinen Wolken steht mein Atem vor dem Mund. Die Gipfel der Berge sind nicht auszumachen. Lichtgraue Schleier verhängen sie. Mein Magen knurrt. Ich sollte noch etwas essen, bevor ich zu dir ins Heim gehe. Ich verlasse den Bahnhof und treibe durch die Straßen. Mein Blick bleibt an einer Tafel hängen, die vor einem Lokal aufgestellt ist. Kürbissuppe gibt es heute. Genau das, was ich jetzt brauche. Drinnen läuft Jazz. Ich setze mich an einen Tisch am Fenster. Die Hauswand gegenüber glänzt nass. Aus einem Loch in der Regenrinne tropft es stetig.   

Du sitzt im Gemeinschaftsraum an einem Tisch und trinkst aus deiner Tasse. Heute trägst du einen pinkfarbenen Hoodie und Jeans. Wieder einmal fällt mir auf, wie klein du doch bist. Deine zierlichen Füße erreichen nicht den Boden. Ich spreche dich an und du wendest dich mir zu. Eine feine Linie bildet sich zwischen deinen Brauen, während ich auf dich zugehe. Deine Schultern sind hochgezogen, deine Arme eng an den Körper gepresst. Ich beuge mich zu dir hinunter, nehme dich zur Begrüßung in den Arm und deine Schultern werden weich.

Wolkenfetzen im leuchtendblauen Himmel. Das hellgrüne Frisbee durchschneidet die warme Luft und fliegt knapp über Kopfhöhe auf mich zu. Deine Wurftechnik ist perfekt. Ich brauche nur den Arm zu heben, um es zu fangen. Du wartest schon darauf, dass ich es zurückwerfe. Stehst breitbeinig auf der gemähten Wiese, die Arme entschlossen in die Taille gestemmt. Du siehst so süß aus in deinem gestreiften T-Shirt und deinem Kinder-Topfhaarschnitt mit schiefem Pony. Der Heustadel hinter dir wird in der flimmernden Luft unscharf.

Du bist nun fertig mit deinem Tee. Erstaunlich schnell lässt du dich zu einem Spaziergang überreden. Als wir die Haustür des Wohnheims öffnen, hat der Regen eine Pause eingelegt. Und die Wolken hängen auch nicht mehr so tief. Du schiebst deine Hand in meine und wir gehen los.

Eine graugetigerte Katze sitzt auf dem Gehsteig. Sie reckt ihr Kinn königinnengleich und schaut uns entgegen. Schließlich erhebt sie sich betont langsam, streckt ihren Rücken durch und miaut. „Schau mal, wer uns da begrüßen will.“ Ich deute auf die Katze. Du schaust auf das Tier und meinst unwirsch: „Ich mag keine Hunde.“ Ich stutze. Deine Feststellung lasse ich so stehen.

Ich könnte dir jetzt von meinem Hund erzählen. Dass er alt geworden ist. Dass seine Kräfte schwinden. Ich könnte dir sagen, was mich zurzeit beschäftigt, was ich gerne tue, was mich bewegt. Ich könnte dir erzählen, was meine Familie macht. Aber all das sagt dir vermutlich nichts mehr. An die Personen erinnerst du dich sicher nicht. Auf einer Brücke bleiben wir stehen. Unter uns rauscht weich der Fluss. Wir schauen auf das milchig grüne Fließen und die Geröllinseln im versprengten Flussbett. Ich drehe mich zu dir, lehne mich an das Geländer und frage, ob du weißt, wer ich sei. Du schaust belustigt in mein Gesicht und sagst: „Na, du bist du!“ Unwillkürlich muss ich lachen. Und du stimmst in mein Lachen ein.

Ockerfarbene Blüten auf der Tapete. Dein Stapel auf dem elterlichen Esstisch ist viel größer als meiner. Im Memory-Spielen bist du einfach besser als ich. Kannst dir viel besser merken, wo der zweite Seestern und wo der Doppelgänger des grüngolden schimmernden Käfers liegt. Obwohl du die jüngere Schwester bist und die Schwester mit einer Behinderung. Die übrigen Karten liegen noch auf dem Tisch. Auf ihren Rückseiten weißes Schneegestöber auf blauem Grund.

Laut. Kraftvoll. Heftiger Regen setzt nun ein. Er trommelt auf unsere Köpfe. Wir setzen unsere Kapuzen auf und flüchten ins nächstbeste Café. Nachdem wir einen freien Tisch gefunden haben, schälen wir uns aus unseren nassen Jacken. Ich helfe dir mit dem Reißverschluss und frage dich, was du trinken willst. Du möchtest Kaffee. In meiner Jackentasche finde ich ein Salbeibonbon. Ich wickle es aus und stecke es in den Mund. Die Bedienung bringt bald unsere Getränke und jeweils ein Glas Leitungswasser dazu. Du nippst an deinem Kaffee und siehst dich um. Dein Kopf ist hoch erhoben. Die verstohlenen Blicke der anderen Gäste bemerkst du nicht. Früher hast du dich oft davor geschützt, indem du den Kopf gesenkt hast, die Schultern eingerollt. Als Mensch mit Down-Syndrom kennst du diese Blicke schon dein ganzes Leben lang. Diese Mischung aus Faszination, Irritation und einer Spur von Abscheu. Der Kaffee schmeckt dir nicht. Immer wieder verziehst du die Lippen. Ich reiche dir dein Wasserglas. Du nimmst es entgegen und schaust verunsichert in das Glas. „Was ist das?“ „Das ist Wasser.“ „Aha“, murmelst du, „interessant.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Tee. Die leichte Bitterkeit vermischt sich mit der Süße des Bonbons. Ich spüle mit Wasser nach und es wird klar in meinem Mund.

Der Regen ist müde geworden. Als wir das Café verlassen, nieselt es nur noch leicht. Du willst zurück ins Wohnheim, willst in dein Zimmer. Eingehakt bei mir werden deine Schritte größer und schneller. Den Pfützen weichen wir nicht aus. Wir nähern uns einer Bahn-Unterführung. Am Eingang bleibst du plötzlich stehen. Blickst nach oben auf die geschwungene Bruchsteinmauer. Ich betrachte dein Gesicht. Es ist jugendlich glatt. Deine fünf Lebensjahrzehnte sehe ich dir nicht an. Eine Gesichtshälfte ist hell, während die andere in das Dunkel des Torbogens gehüllt ist.

Im Wohnheim angekommen, durchquerst du energisch den Gemeinschaftsraum, läufst an deiner Zimmertür vorbei, stoppst, drehst dich nach allen Seiten. Dein Atem geht stoßweise. Schließlich schaust du mich aufgebracht an und fragst: „Wo ist mein Zimmer?“ Ich zeige auf die Tür. „Ah.“

Ich frage dich, ob wir die mitgebrachten Stifte ausprobieren und gemeinsam malen wollen. „Na gut, können wir schon machen.“ Wir setzen uns nebeneinander an deinen Schreibtisch. Deine Bewegungen sind nun wieder sanft. Ich öffne die Packung und lasse die Buntstifte auf den Tisch gleiten. Zielsicher greifst du dir einen hellgrünen. Dann reichst du mir eine deiner Malvorlagen. Ein Mandala mit Herzen. Du entscheidest dich für eine Vorlage mit verschiedenen Sternen darauf und beginnst zu malen. Als nächstes wählst du einen weinroten Stift. Du nickst zufrieden. Den schwarzen Stift willst du nicht haben. Ich soll ihn wieder mitnehmen.

Du stehst auf, um zur Toilette zu gehen. Ich bleibe sitzen und betrachte deine Bilder an der Wand über dem Schreibtisch. Die Figuren auf deinen Darstellungen – Menschen wie Tiere – haben allesamt breite Münder und riesige Augen. Diese sind dick umrandet, als würden die Wesen eine Brille tragen. Ihre Herzen tragen sie sichtbar auf der Brust. Und immer wieder Sonnen. Groß und leuchtend gelb. All deine Bilder hast du signiert. Auf einem neueren stehen nur noch die ersten drei Buchstaben deines Vornamens. Das Bild zeigt etwas, das man als Baum deuten könnte. Ein Baum mit auseinanderstrebenden Ästen.

Dein Gesicht schwingt in den Himmel. Um gleich darauf wieder hinabzustürzen. Deine feinen Haare fliegen. Und erneut bewegt sich dein Gesicht nach oben in das Azurblau und macht am höchsten Punkt einen kleinen Hopser. Du hast die gleiche Strickjacke an wie ich. Wenn ich mich auf der Wippe weit nach hinten lehne, kann ich dich dort oben halten und darüber bestimmen, ob ich dich wieder herunterlasse. Am schönsten aber ist der Moment, wenn wir es schaffen, die Wippe in die Balance zu bringen. Beide in der Luft in einer geraden Linie. In der Schwebe.

Du bist nun schon recht lange auf der Toilette. Ich beschließe, nachzusehen. Die Badezimmertür ist angelehnt. Ich klopfe, öffne die Tür ein wenig und sehe dich am Waschbecken stehen. Du reibst deine trockenen Handflächen aneinander. Der Wasserhahn ist zu. Ich gehe zu dir und drehe den Hahn auf. „Ui“, machst du erstaunt, als das Wasser über deine Hände rinnt.

„Wollen wir weiter malen?“ „Ja.“ Wir gehen zurück in dein Zimmer. Mir ist kalt, also ziehe ich meine Jacke an. Wir sitzen und schweigen. Nur das Schaben der Minenspitzen auf Papier ist zu hören. Ich male meine Herzen in verschiedenen Rottönen aus. Die Umrisse deiner Sterne sind kaum mehr zu erkennen. Sie sind überdeckt mit Grün, mit Rot und ein wenig Gelb. Deinen Namen setzt du nicht unter das Bild.

Ich will nun zu meinem Zug. Im Aufstehen nehme ich den Rucksack auf meine Schultern und sage, dass ich nun gehen müsse. „Na mach doch.“ Im nächsten Moment kicherst du verschmitzt und stehst ebenfalls auf. Wir umarmen uns. Ich will direkt über die Terrassentür ins Freie. Öffne die Tür und trete über die Schwelle. Draußen dämmert es bereits. Die Tanne im Garten zeichnet sich als schwarzer Schattenriss gegen den rauchblauen Himmel ab. Ich drehe mich um zu dir. Du stehst etwas ratlos herum. Näherst dich dann aber der Terrassentür und schließt sie hinter mir. Du blickst nach draußen durch die Scheibe, schaust knapp an mir vorbei, lächelst und ziehst den Vorhang zu. Ich schaue auf das spiegelnde Glas. Schaue in mein Gesicht. Irgendwann stecke ich eine Hand in meine Jackentasche. Ein Stift ist darin. Der Regen schweigt.

Claudia Woitsch
Claudia Woitsch
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